Hamburg
in den letzte Zügen des Jahres 2006 – viele sagen, dass früher
in der zweitgrößten Stadt Deutschlands alles besser war, aber eigentlich
weiß keiner so genau, wann das gewesen sein soll.
Denn der sympathische Stadtstaat verfügt über so ziemlich alles, was
eine Szene braucht.
One Nation, hoch10, DMNK
Wenn wir mal von der One Nation, die ca. 2 Mal im Jahr die Massen in die Markthalle
am Hauptbahnhof zieht, absehen, findet das "echte" Hamburger Drum-and-Bass-Leben
in den verschiedensten Clubs statt. Allen voran hat sich das Waagenbau als wichtige
Adresse für gute gebrochene Unterhaltungsmusik etabliert, spätestens,
seit die Renovierung des Hafenklang endgültig feststeht.
Mit seinem Partyformat Hoch10 lädt Gerald Steyr regelmäßig die
großen Namen der internationalen und nationalen Szene ins Waagenbau, begleitet
von der geballten Kernkompetenz: den Hoch10-Residents Kriz und DMNK sowie anderen
ausgewählten lokalen Artists. Hoch10 ist immer für ausgefallene Überraschungen
gut, wie z.B. das diesjährige Live-Special oder die Events auf der Stubnitz
mit Aphrodite oder wie in diesem Jahr mit Dieselboy. Dabei kommt die Hoch10
in der Regel mit einem Resident-MC aus. Hin und wieder besuchen große
Namen die Bühne, manchmal bleibt das Mikro leer – ein Umstand, den
man in Hamburg sehr zu schätzen weiß.
DMNK, das Urgestein der Szene, ist gleichzeitig Resident der wöchentlichen
Radioshow BBDB bei jungletrain.net, die am 1. und 3. Mittwoch eines Monats ebenfalls
live aus dem Waagenbau übertragen wird. Der Eintritt ist frei. Bei BBDB
geben sich die Hamburger DJs die sprichwörtliche Klinke in die Hand und
auch für Releasepartys der ansässigen Labels ist BBDB ein gerngesehener
Rahmen.
Alte Locations, neue Locations
Das Hafenklang – Geburtsstätte der Hoch10 und jahrelange Heimat
der Drumbule – wird renoviert und zwingt die eingespielte Crew ins Exil.
Für das erste Event hat man keinen geringeren als Dom&Roland verpflichtet,
die rauschende Party fand im Übel & Gefährlich statt.
Mittlerweile hat die Drumbule-Crew ihre Zelte aber im Ex-Frapant aufgeschlagen.
Eine ebenfalls sehr geschichtsträchtige Location, die von der Hafenklang-Crew
enorm aufgemotzt wurde. Jetzt liegt es an der Crew, die neue Location zu etablieren,
denn genauso groß wie die Anzahl der Drumbule-Residents ist auch der qualitative
Unterschied. Während sich DJ Fu und Iaka zu technisch versierten Club-DJs
entwickelt haben, scheuen sich die restlichen Drumbule-Residents nicht, offen
zuzugeben einen erheblichen Teil dazu beizutragen, dass die Drumbule-Veranstaltungen
trotz facettenreicher Gäste ihren semiprofessionellen Charme nie verlieren.
Musikalisch ist die Drumbule nicht selten eine Reise in die Vergangenheit. Wo
die Drumbule sich letztendlich niederlässt und ob das Hafenklang am Fischmarkt
jemals wieder Thema wird, ist bis heute ungewiss. Gewiss ist: Hier wird richtig
gerockt!
Im bereits erwähnten Übel & Gefährlich betreibt das junge
Internetlabel Grindingecho seinen gleichnamigen Club. Unter der Schirmherrschaft
von Bassrk und Tecsumo wird immer am dritten Freitag im Monat mit interessanten
Gästen aus Ländern, die man nicht unbedingt Drum-and-Bass-technisch
auf dem Zettel hat, auf dem Second-Floor zu meist technoidem Drum and Bass der
neuen Generation gefeiert.
Liquid Sound und andere Projekte
Zum ersten Mal kann sich in Hamburg auch ein Format durchsetzen, das sich im
weitesten Sinne Liquid Drum and Bass auf die Fahnen schreibt. Nachdem King Kryzon
die kleine Prinzenbar im letzten Jahr mehrfach bis zum Anschlag gefüllt
hat, gab es mittlerweile einen ersten gelungenen Versuch im Mandarin Kasino
- einem deutlich größeren Kiezclub. In unregelmäßigen
Abständen holt der sympathische Mischlingsrüde auch Größen
wie John B. oder Total Science in die Hansestadt. Für solche Eskapaden
wird gern das Eidelstedter Edelfettwerk angemietet.
Auch andere Projekte wie Reload oder Salutefire versuchen unregelmäßig
ihr Glück mit teils hochkarätigen Artists, aber chronisch wenigen
Gästen. Die Verbindung zur Hamburger Szene scheint noch nicht vorhanden.
Offen wirkende Mikrofonpolitik, häufige Wechsel der Namen und die permanente
Wahl schwergängiger Locations für Drum and Bass sind 3 Meter über
NN wohl nicht so angesagt.
Man kann also sagen, dass das 1,8-Millionen-Seelen-Dorf fast jedes Wochenende
eine solide Partyinfrastruktur hat, in der sich in den letzten Jahren eine Handvoll
DJs mit dem Facettenreichtum, den diese Szene hergibt, durchgesetzt haben. So
ist es als Nachwuchs nicht unbedingt einfach, als DJ oder Partyveranstalter
im Venedig des Nordens Fuß zu fassen. Zumal die Größe der Szene
mehr als eine Veranstaltung pro Abend schon schwierig macht.
Labels - lokal & international...
Ebenfalls bunt ist die Labelwelt. Auch wenn die wenigsten im Vinylregal zu
finden sind, ist die Intenetpräsenz besser denn je. Ein Besuch bei Plainaudio
zum Beipiel lohnt sich immer. Labelchef Iaka hat eine illustre Produzentencrew
um sich versammelt, die in professioneller Atmosphäre kostenlos ihre Werke
zum Download bereitstellt.
Auch bei Destination-Records kann man sich die neuesten MP3s des Duos Euphoria,
bestehend aus Homebass und Sahara, runterladen. Das junge Label startete erst
dieses Jahr mit zwei amtlichen Veröffentlichungen auf Vinyl.
Einmal im Jahr finden sich dann alle Hamburger Produzenten auf Dunkelbunt
Recordings zu „The undiscovered sound of Hamburg“ zusammen. Die
von Labelchef Kool K. gemixte Compilation gibt es in limitierter Stückzahl
auf CD und ebenfalls kostenlos im Netz. Die siebte Ausgabe erscheint voraussichtlich
im Januar 2007.
International am erfolgreichsten bleibt vorerst Rollin B. aka Syncopix mit Formrecording
bzw. eigenem Label Syncopix, aber auch Releases auf Hospital, doch gerade jetzt,
wo sich das Jahr 2006 dem Ende neigt feiern wir die Releaseparty zu Rawtekks
Debut auf dem niederländischen Label Citrus. Auch auf dem bereits genannten
Hamburger Label Destination-Records hat Rawtekk mit drei amtlichen Tracks die
zweite Ausgabe vertont. Weitere Releases auf namhaften Labels sind abzusehen.
World Wide Web
Die Hamburger Szene hat auch seine eigene Internetplattform. Auf Azuma.de gibt
es nicht nur den unfangreichsten Terminkalender für elektronische Musik
in Hamburg, sondern auch einen direkten Draht zu allen Hamburger Artists und
Veranstaltern.
Neben Fotos und ernsten Diskussionen sind die satirischen Vorankündigungen
immer einen Besuch wert.
Drum and Bass lebt – mit Niveau und Stil auch in Hamburg!