Bank Holiday Weekend? Notting Hill Carnival? London Town touchin' down!
Einen 99-Euro-Flug konnte ich noch bei German Wings buchen und so verabschiedete
ich mich Samstag abend vom Köln/Bonner Flughafen für sechsunddreissig
Stunden vom deutschen Will-nicht-Sommer. Mit weiteren 100 Pfund Spesen, einer
Digicam, Klamotten zum Wechseln und einer Tüte Tee im Rucksack sowie den
Pflichtevents Innovation und One Nation als Ziele landete ich nach nur einer Fussballhalbzeit
und wieder mal überwältigendem Stratosphärepanorama per Airbus
in Stansted Airport.
Der teurere (24 Pfund return), aber schnellere Stansted Express-Zug (Vorsicht,
nix auf die Heizung legen, könnte schmilzen!), in dem ich mit Ravern aus
Barcelona laberte, brachte mich zur Liverpool Street Station. Von dort aus pilgerte
ich über Petticoat Lane und Wentworth Street wieder in die heilige Brick
Lane und seiner stop-and-go-Atmosphäre aus Bengal spices, party people, posters
und den kreativsten Design-Messages an Stromkästen und Laternenpfählen
europaweit. Nach der berüchtigten Immam-Moschee erstaunte mich eine triste
Truman Brewery, aus der nach Kunstkomplex ein Bürohaus geworden zu sein scheint.
Gegenüber wurden dafür Fabrikhallen umfunktioniert zu Cafés,
Bars und Clubs, wenn die Vibe Bar mal wieder überfüllt ist. Beim Snapshot
fiel meine Digicam auf den Asphalt und ging kaputt, deshalb keine Pix. Worse!
:(
Ein gutes Essen sparte ich mir für den Sonntag, da ich noch kein Ticket für
die Innovation Reunion hatte. Hier trafen sich die Lloret De Mar-Raver wieder
zu einem D&B-Line Up der Premier League. Andy C, Hype, Nicky Blackmarket,
Dillinja, Shy FX und Brockie an den Tellern mit Det, Skibadee, Shabba und Suga
am Mikro. Dazu Floors mit Old Skool und Happy Hardcore.
Über Whitechapel High Street, Aldgate und Monument überquerte ich die
London Bridge, dann links vorbei am Bahnhof und dem London Dungeon in den Tunnel
der Weston Street. Es war noch nicht elf und keine Schlange vor dem unscheinbaren
Eingang des SE One. Nach dem üblichen Türsteher-Ratewitz "tell
me a number between one and ninety-nine! - 73? - No, it's 93! Sorry mate, you
gotta go in" ließ ich meinen vollen Reiserucksack vergeblich durchsuchen,
passierte die freundlichen Schwergewichtstürsteher und fiel dann fast um
beim Eintrittspreis. Auf den Flyern waren knapp 19 Pfund angekündigt, aber
dass an der Abendkasse 30 Pfund fällig wären, brachte mich fast zum
Umkehren.
Dass man dann doch bleibt, liegt an der einsamen Nacht und am Jungle Fever, dass
unheilbar ist…
Der Merchandising-Stand bot die üblichen Packs aus Tapes, CDs, DVDs und Clothing.
Hinter dem Vorhang bolzten bereits die ersten DJs derbste Dubplates aus echten
Fersentretern und Hüftbässen und die Massive leerte das Bier und heimlich
die Speeddrops.
Der Rave startete aber nicht vor Brockie, weil das zusammengebastelte Soundsystem
der Innovation Kru mithilfe der Valve-Türme nur expertentauglich war. Doch
selbst der Master of Darkness brachte die Anlage zum kurzen Kollaps, bis er seinen
unnachahmlichen Bass auslotete, der genau ans Trommelfell andockt und den Hörsinn
anbohrt, wenn nicht gar zerbröselt.
Nehmt Stöpsel oder fragt Euren Ohrenarzt - but that's grimey, mate!
Überhaupt der Sound. Ich nahm nicht alles mit und lief mehr herum als sonst.
Vielleicht auch, weil sich mein Hörsinn langsam aber sicher aufzulösen
scheint nach acht Jahren Jungle-Trips und immer mächtiger werdenden Dezibelduschen.
Seit kurzem tue ich mir wirklich Taschentuchfetzen ins Ohr, vermisse dann aber
die Intensität.
Kaum lockte mich "System Check" zurück, enterte das Two Times-Duo
aus More muscles-Tube Voice-Det & 15 bar-rhyme scheme-fresh flow-Skibadee
die Bühne, um das Carnival-Party-Schiff auf Kurs durch alle Drum&Bass-Wellen
zu schicken. Mit Rap-Flashbacks vom Millenium Eve Rave steigerte das Trio den
Vibe im Gewölbetunnel, der mich stark an den Wuppertaler U-Club erinnerte,
aber zu eng und muffig war, um steppen zu können – wie leider bei den
meisten Club-Raves in London. Deshalb quetschte sich der Tourist neben die Boxentürme,
weil es ab dem Mauerbogen kein Durchkommen nach vorne gab, zumal der Reiserucksack
noch am Rücken klebte. Hin und wieder zwang mich die Atmung wieder zurück
zum Eingang, wo ich den Old Skool-Floor entdeckte, der als "Liquid D&B
Arena" getarnt war. MCs wie melodic Warren G und der alberne Shok-A-Tee,
den ich von Rude FM kannte, mit Nummer 5 lebt-Lampenbrille (beide nicht im Line-Up)
wärmten chillig auf zu All Time Classix.
Ein Raum weiter gab es den Sound der Main Arena in besserer Qualität mit
Laser-Leinwand und den genauso hohen Boxentürmen. Von dort konnte man sich
von der Seite nach nebenan durchdrängen, wenn man wollte, aber das meiste
liess sich auch von der Tür erleben. An den Seiten gefielen zwei gespiegelte
3 D-Monitore mit Innovation-Logos und den aktuellen Artists.
Nach Shy FX und eher mässiger Stimmung sorgte Dillinja wieder für Aufmerksamkeit,
spielte aber eher ein kurzes Set wegen anderen Bookings in der Nacht. Wie immer
überzeugten Hyperröntgenbass und Prollbreakz. Ab Hype („Hyyyyype?
Hype?!? Hyyype!!!“) absolute roadblock, so dass man an der bröckelnden
Frequenz nebenan nur erahnen konnte, welcher Tune gerade drehte. Amtliches Blendin'
von "The Nine", "The Ritual" genoss einen dreifachen Rewind
und brachte die Meute zum Pogen wie "Reach Out", alle Hazard-Tracks
und frische Playaz-Dubs.
Mit jeder Minute mehrten sich auch die double-D Junglettes - hot & juicy in
London Town only - auch wenn sie nur an einem vorbeigehen und man sie nie kennenlernen
wird. But: if you can´t make it – feel it! Kein Wunder, dass es so
viele junge Mummies gibt (lechz but be careful ;)).
Nicky Blackmarket spielte den besten Mix der Nacht mit Dribbling-Cuts wie QPR
in besten Zeiten und hatte mit dem "Nosher"-Baron-RMX die Horns, Whistles
und Lighters in der Höhe :D Ab Andy C wie immer eingeschworene tricks, treats
& hardways und ich blieb eine Weile in der "Ravenation Arena", wo
kristallklare Happy Hardcore-Beats zu angenehmen 150 bpms glänzten. Hier
wurden auch die Glühstäbe geschwungen, mehr gelacht und nicht nervig
nach pills gefragt. Die Nacht war wie immer schneller rum als man denkt und ich
verdrängte die verschwendeten dreissig Pfund, als ich am Ausgang die letzten
Jungle-Queens begehrte, Skibadee in Fasan-Jeansjacke mit Arsenal-"38 Gun
Salute"-Mate entdeckte und dann noch im Tunnel direkt neben UK "Nuttah"
Apache und seinem unerreichten Kurzhaarkopfrasurlabyrinth stand.
Aber wer labert dann, fragt nach Autogrammen, macht Pix oder Gästelisteplätzen
für die One Nation?
Erstens weil ich nur Tourist bin und mir nicht klar war, ob ich alles für
mein schweres Geld bekommen hatte. Von Kenny Ken, Lemon D, Mickey Finn (?), Fresh,
Pendulum, Fearless, Ragga Twins und anderen irgendwie keine Spur. Navigator habe
ich auch nur gesehen. Man sollte nie dran glauben, dass alle da sind, die auf
dem Flyer stehen. Oder registrieren. Iron Law. Deceive inclusive. Aber wer blickt
bei Nebel durch? Nur der Fernrohrer auf dem Mast! Es waren genug Highlights da,
die schockten.
Danach traf ich eine Kru aus Plymouth, mit denen ich an der Themse gegenüber
vom Piratenschiff im Tower Pier chillte (wie weit es selbst von Plymouth nach
London ist!) und danach alleine zur Tate Modern wanderte, um zu pennen. Auf einer
gummierten Rundbank legte ich mich hin, bis mich ein Regenschauer eine Stunde
später weckte. Ich ging die Themse auf und ab, bewunderte das Shakespeare
Globe Theatre, das Wohnhaus von Christopher Wren, das niedrige, vermüllte
Themse-Wasser mit seinen Touristenkreuzern, bis ich um zehn in das ehemalige Kraftwerksgebäude
konnte, um die Dauerausstellung zu sehen. Ausser der laufenden Edward Hopper-Ausstellung
waren drei Stockwerke moderner Kunstwerke auf vier Stockwerken kostenlos zu sehen,
aufgeteilt in Landschaft, Stilleben, Geschichte und Körperkunst, darunter
Klassiker von Max Ernst, Man Ray, Dali, Pollock, Matisse, Picasso, Warhol, Beuys
oder Ofili und nicht zu vergessen die monströse Stahlspinne in der Turbinenhalle.
Im Bann der Kunst vergingen einige Stunden, so dass ich erst nachmittags Richtung
Notting Hill ging. Die Themse westwärts kam ich am Millenium Eye-Riesenrad
vorbei, der Saatchi Gallery, dem Dalí Universe (sollte man mal gesehen
haben von wegen paranoid-kritischer Philosophie…) und der Queen Elizabeth
Hall über die Westminster Bridge an Big Ben und einer ständigen Anti-War-Demonstration
vorbei zur Victoria Station. Nach einem Kaffee weiter zum Hyde Park über
die Rotten Row die Serpentine und dem bevölkerten Diana Memorial entlang,
bis ich irgendwann die Carnival Area erreichte. :0
Unter dem Westway und über die Gleistrassen schwappte bereits der Squat-Drum&Bass-Vibe
vom Randomsound System herüber, die in der Nacht einen Warehouse Rave veranstaltet
hatten und hier ihre After Hour abhielten. Von dort wanderte ich an vor Pubs saufenden
und kiffenden Menschentrauben, Strassengrills mit dunklen Maiskolben und würzigen
Fleischbrocken vorbei zum Umzug, der mit tanzenden Kindern in seinen letzten Zügen
war. Vielleicht war dieses Jahr weniger los, weil um acht Uhr die meisten Soundsystems
abgebaut hatten. Die boxenhohe Bühne der One Nation stand schon verwaist
an der Ecke All Saints/Tavistock Road, wo es aber noch Tickets für die Brixton
Academy am Abend gab.
Nach Kalkulation blieben mir noch 13 Pfund und ein paar zerquetschte - damit knapp
aber unter den erforderlichen 20, ohne das Tubeticket. Wer bettelt schon gerne
am Carnival und so musste ich die One Nation still fluchend streichen und eine
Alternative für die Nacht finden. Mir fiel der "Grace"-3 Years-Birthday
im Herbal in Shoreditch ein mit Grooverider, Marky, L Double, Stamina und 5ive-O
für 10 Pfund. Das müsste reichen.
Den Weg von West nach Ost kürzte ich mit einer doch langen Busfahrt ab und
gelangte gegen elf zur Fünfzigmeterschlange, als kurz darauf ein Türsteher
mitteilte, dass es soeben ausverkauft wäre. Fassungslos wie alle blieb ich
stehen. Von der Strasse fragten zwei Typen im Leihtransporter mit Kool FM im Radio
nach anderen Drum & Bass-Events. Ebenso ahnungslos trotteten wir von
dannen. Selbst ein Rave auf der Brick Lane spielte ein altes Infoband im Münztelefon.
Kurz vor eins beschloss ich, den Rest von 10 Pfund für ein Bengal-Essen in
einem Restaurant (@ The Preem, Brick Lane) auf den Kopf zu hauen. Es reichte sogar
für einen Liter Singha Beer und ein Balti Jalfezeri. Wer das kennt, weiss
was scharf macht und wach hält…
Aber meine versteppten Knochen trugen mich nicht mehr weit und ich trottete zurück
zum Herbal, wo der Promoter-Nachwuchs mit Flyer-Packs am Ausgang harrte. Am 333
auf der Old Street vorbei ging ich nostalgisch zum Hoxton Square und dachte zurück
an grosse Blue Note-Zeiten. Auf einer Parkbank hörte ich Walkman-Radio und
versuchte bis zum Morgengrauen in der nieselnden Inselkälte wachzubleiben,
indem ich letzte Kräutersticks paffte, dumme Schnellreime ausklügelte,
mit den Händen auf den Oberschenkeln trommelte, zwischendurch auf der Parkbank
ratzte und die Zeit einholte.
Endlich um fünf fuhr ich ab Liverpool Street mit dem ersten Zug nach Stansted
Airport und schlief in der Wartelounge weiter zwischen anderen Weekendravern aus
Spanien, Italien, Holland und Polen.
Nach böigem Wackelflug hatte ich um halb elf Deutschland wieder.
Fazit: German Wings Number One, nette Stewardessen, lasche Gepäckkontrolle,
Partyplan knapp verpeilt, Innovation guter Rave-Einstieg mit weiteren fetten Events
in der Zukunft, so London Town keeps you "movin´, groovin´, rockin´,
shockin´- rock around the clock til the night is done... rock around keeps
you to knock the pound - listen to my sound, my sound, your sound, our
sound" :lighter:
Der nächste Weekenda braucht Junglette-Dates, viel mehr als hundert Euro
Spesen, ein Spurs-Match und definitiv mehr German Krus in the area if any…
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coz it´s drum jungle bass worldwide, baby!
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