Beginnen wir diesen Abend mit einem kleinen Zeitsprung auf 2:30 Uhr: Da stand
man gutgelaunt und nassgeschwitzt kurz draußen an der Kasse, während
sich die frühen Wiesen-Besucher wohl endgültig ausgekotzt und bereits
schlafen gelegt hatten. Die ganze Stadt taumelte in Oktoberfestbiernachwehen und
reduzierte sein Nachtleben auf die sympathischen Glatz- bzw. Gelköpfe am
Stachus. Ganz München war tot. Ganz München?
Nein. Fragt einfach das nächste Mal Wolf, den sympathischen Türsteher
der Monofaktur. Eben zum angesprochenen Zeitpunkt kam der sichtbar fassungslos
mit offenem Mund aus der Monofaktur und brachte gerade mal ein „Ey, der
reine Wahnsinn“ raus. „Die kreischen da drin ja alle!“.
Nun muss man dem Wolf ja zugestehen, dass er wirklich ein netter Kerl is’,
von Drum’n’Bass-Partys aber leider keine Ahnung hat. Auch von der
zuvor eher mäßigen Partykultur in der Monofaktur ist er nicht gerade
verwöhnt – doch als er kurz darauf an einen jungen Herrn gelangte,
der nicht bereit war, den vollen Eintritt über acht absolut unverschämte
Euro zu bezahlen, brachte auch Wolf der Türsteher nicht mehr als ein mitleidiges
Lächeln und ein „Na dann halt nicht!“ über die Lippen. Nein,
verhandeln konnte man an der Kasse auch zu spätem Zeitpunkt nicht –
es war einfach absolut unangemessen...
Die Ausgangslage vor 22:00 Uhr dagegen ließ alles andere als einen Volltreffer
erwarten: Dave (aka Temper D) sei verschnupft, die Warm-Up-Band spielt auch Trash-
und Death-Metal (war aber vor allem durch die Bläser-Fraktion sehr gut),
die Gästeliste ist wieder viel zu lang und überhaupt erst mal alles
traditionell genervt.
Ja, und dann trudelte München langsam ein: Der 40-jährige Alternativi
mit Holzperlen-behängter Eso-Ehefrau, die Touri-Fraktion mit hässlichen
Oktoberfest-Hüten und die angetrunkenen Dirndl-Mädelz mit extremen Hang
zum Weiterbesaufen.
Insofern also kein leichtes Setting für AnDee (Lakesidebreakz), um für
locker-flockiges Warm-Up zu sorgen. Doch zwei Stunden und etwa 200 Gäste
später wurde dann schon klarer, welchen Verlauf der Abend nehmen sollte:
Ununterbrochenes „Yeeehaaa“-Gebrülle, ein Meer von Armen in der
Luft und eine Luftfeuchtigkeit von ca. 90%. Ja, und Wolf der Türsteher fing
da an zu schwitzen. Und der stand draußen.
Die Jubelarien jedenfalls, die DJ fRY (Holy Shit!) da bereits entgegenschwappten,
versenkten einen dann endgültig in wilde Hysterie, als der Master himself,
Mister Temper D, die Nadel in die Rille setzte, das Ruder übernahm und in
Richtung Drum’n’Bass-Heaven navigierte. Nein, so was hat man noch
nicht gehört, gesehen, geschweige denn gespürt. Der Schweiß auf
den nassgeschwitzten Junglists verdampfte, kondensierte und tropfte zeitgleich
von der Decke und seinem jeweiligen Nachbarn auf der Tanzfläche. Ein Drop
folgte auf den nächsten vermischte sich mit dem dritten und mündete
schließlich in einem Rewind. Der Club – mittlerweile bis ins letzte
Eck belegt – zuckte und waberte nur noch. Die Ladys tanzten auf der Bassbox,
Flowsn hatte schwarze Ufos unter den Achseln, Temper D seinen Schnupfen vergessen
und der ganze Club nur noch ein dickes Grinsen im Gesicht.
Ein paar Autogramme (!) von Dave und zahllose Rewinds später konnte auch
der gute Herr DJ nicht mehr, dankte unter ohrenbetäubenden Jubel ab und spielte
wohl mit dem Gedanken, ins Hotel überzusiedeln.
Nachdem aber immer noch knapp 250 Leute um 4:30 Uhr ihre Ladung Adrenalin + Endorphin
rausballern wollten, gestaltete sich das Heimspiel von Painkiller nicht viel anders
als das Auswärtsmatch von Dave. Der stand übrigens auch noch eine volle
Stunde später auf der DJ-Kanzel, kratzte sich verwundert am Kopf und wischte
sich den Schweiss von der Stirn. Ein „So we hope yuh soon come back to Munich“
wurde mit hektisch-übereinstimmenden Kopfnicken quittiert – und in
Gedanken waren 80 % schon wieder beim nächsten Temper D-Besuch.
Bezeichnend: Der berühmt-berüchtigte Vertreter der „Energy-Crew“
verbrachte den Rest des Abend schlafend links neben der DJ-Kanzel. Also: Namen
überdenken und vor der nächsten Vitamin Bass-Packung ordentlich Stretching-
und Gymnastik-Programm absolvieren...
So, noch mehr Worte drüber zu verlieren, macht wirklich wenig Sinn. Die obligatorischen
Big Ups gehen so diesmal auch nicht an die Veranstalter, die DJs, die MCs oder
Wolf dem Türsteher, sondern an die Munich Junglists. Es hat einen Stolz gemacht,
wie sehr gerockt wurde und machte unendlichen Appetit auf mehr: Jaha, nächstes
Monat kommt Noisia...
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