Apocalypse Now!
Wie Drum'n'Bass vom Weichspülbad in den Long Dark Tunnel tauchte.
Auf welche Weise sich Jungle/Drum'n'Bass im vergangenen Jahr von Quantensprung
zu Quantensprung warpte, noch ausgefuchster und ausdifferenzierter wurde und in
x Unterabteilungen von Techstep bis Drum'n'Bass für schräge Väter
wie Plug und Squarepusher ausfranste, mag ich hier nicht noch einmal runterbeten.
Mindestens genauso interessant war es zu beobachten, wo Drum'n'Bass neue Freunde
fand, zu welchen Missverständnissen und nicht immer ganz heiligen Koalitionen
es dabei kam. Von einem auf den anderen Tag war die Musik plötzlich im Club-
und Kneipenalltag angekommen. Drum'n'Bass wurde zum neuen Ziersound für Queerbeet
DJs, die das echt eklektizistisch fanden, jazzy Jungle löste in der zweiten
Jahreshälfte Easy Listening als die angesagte Cafe-Beschallung ab, und experimentierende
House-DJs pitchten ihre D'n'B-Sets bei minus vier Prozent ein.
Sehr beliebt war das Statement, Jungle/Drum'n'Bass sei jetzt "total kommerziell
geworden", habe "den Durchbruch geschafft", weil die "Sportschau"
ihren Trailer mit 160 bpm ausrollt. Doch egal wie ungelenk bis bescheuert die
Präsentation von Drum'n'Bass in hiesigen Zusammenhängen zum Teil auch
war, so ist die Einführungsphase inzwischen abgeschlossen. Man kann die Musik
ohne größere Probleme in jedem halbwegs anständigen Club spielen,
und es ist immer wieder ein Kick zu sehen, wie der erste Tune manchmal in Sekundenschnelle
die Party anknipst. Die Leute warten förmlich darauf, und das ist natürlich
klasse. Dabei ist die Rezeption selbstverständlich eine andere als in London.
Sieht man von den Rave-Profis aus dem Rhein-Main-Gebiet (wo Sechzehnjährige
ihre Dubplate-Favoriten mit Hilfe von Meditation-und Future-Rave-Mitschnitten
checken) und der Berliner Szene (wo es an jedem Tag der Woche einen D'n'B-Keller
im vierten Hinterhof gibt) ab, ist der allgemeine Informationsfluß in Sachen
Breaks und Basslines eher dürftig.
Es braucht seine Zeit, bis der neueste Londoner Prototyp auch im bundesdeutschen
Cluballtag zündet. Besonders deutlich wurde dies 1996 mit der allgegenwärtigen
maßgeblich von No U-Turn, Grooverider und Doc Scott initiierten Techstep-Explosion.
Hier wurde die dunkle Seite der Musik ins Zentrum gestellt, immer bemüht,
ans Ende des „long dark tunnel“ zu gelangen.
Wildstyle Top 20
1. Photek - The Hidden Camera EP (Science)
2. Nasty Habits - Shadowboxing (31 Records)
3. Danny Breakz - Droppin' Science Vol.8
4. Dillinja - Threshold (Prototype)
5. Adam F - Metropolis (Metalheadz)
6. Hidden Agenda - Dispatches 1&2 (Metalheadz)
7. Roni Size - Days (V Recordings)
8. Ed Rush, ... - Mad Different Methods (No U-Turn)
9. Ed Rush & Nico - Mothership (No U-Tum)
10. Deep Blue & Blame Re/Transitions (Moving Sh.)
11. Dom & Roland - Dynamics (Moving Shadow)
12. Lemon D - Going Gets Tuff (Prototype)
13. Dillinja - Armoured D (Metalheadz)
14. DJ Hype - Love, Peace & Unity (True Playaz)
15. DJ Krust - Flava EP (V Recordings)
16. Blame - Neptune (Moving Shadow)
17. ED Rush - Skylab EP (Metalheadz)
18. ED Rush - Killamanjaro (Prototype)
19. Arcon 2 - Liquid Earth (Reinforced)
20. DJ Die - Stoned Groove (Full Cycle)
Zusammengestellt von Bass Dee, Dagmar,
Lars Vegas, Metro, Nico, Olski
Während der Stoff in England weggeht wie warme Semmeln, zeigt sich die hiesige
Crowd oft irritiert, wenn man sie zu früh am Abend mit „Mothership“
(Ed Rush, Nico) oder „Shadowboxing“ (Doc Scott) konfrontiert - was
nur allzu gut nachvollziehbar ist: Die Musik von Ed Rush, Trace, Nico, Fierce
oder auch Doc Scott, Dillinja und Arcon 2 ist erst einmal das Gegenteil von upliftend.
Ihre Breaks, Sounds und vor allem Basslines tun alles, um eine Atmosphäre
von Bedrohung, Paranoia und Horror zu erzeugen (was viel, aber nicht ausschließlich
mit dem individuellen Lebensstil und Drogenkonsum der jeweiligen Producer zu tun
hat). Die Behauptung, daß die Musik deshalb im Club oder anderswo für
schlechte Stimmung sorgt, ist Quatsch. Hat man sie erstmal gecheckt, wirft man
wie selbstverständlich die Arme in die Luft und will gerade dann den Rewind,
wenn's am schlimmsten ist (also der Bassterror seinen Höhepunkt erreicht).
Es mag neu sein, sich zu einem derart darken Sound gut zu fühlen, doch widersprüchlich
ist das ganz sicher nicht. Als ich zum ersten Mal „Planet Rock“ oder
Acid House gehört habe, fand ich das auch nicht gerade schön. Trotzdem
wollte ich unbedingt mehr davon haben. Und ein Ende von Darkness ist auch im gerade
beginnenden Jahr nicht zu erwarten. Der Reece-Bass mag erstmal ausgereizt sein,
doch zeichnet sich in den neuen Stücken von Ed Rush und Nico, ähnlich
wie bei Dillinja und Lemon D, ein bitterböser Funk ab, der uns noch das Fürchten
lehren wird.
Text: Oliver von Felbert (1996)
Der Text erschien 1996 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher
Weise zur Verfügung gestellt.