Wo immer der Sound auf Drum'n'Bass Events sich in den letzten
Wochen besonders massiv verdickte, eine mauerhafte Wucht aus den Boxen wuchs,
musste es sich um das eine handeln: Tracks aus dem Hause No U-Turn - produziert
von dem Enthusiasten Nico Sykes für brillante DJs wie Ed Rush, Fierce oder
Trace.
Ralph Christoph hat sich ins Schlepptau von Nico begeben und einen Kick fürs
Leben erhalten.
WAREHOUSING
Nico Sykes reißt das Fenster auf, hält den CD-Portable mit provozierender
Geste nach draußen und fragt in die Runde: "Soll ich...?" Ohne
die Antwort abzuwarten, feuert er das Ding aus dem 3. Stock in den Hof
hinunter. Ausbrüche dieser Art sind typisch für den Labelchef und
Produzenten von No U-Turn. Sykes ist einer, der seinen Hintern keine fünf
Minuten ruhig auf der Stelle halten kann. Nicht minder typisch ist der Soundtrack,
der diese Szene im No U-Turn-Studio einrahmt. In voller Clublautstärke
läuft gerade eine hauseigene Produktion - das Testpressing von "Technology",
dem neuester Outlet von Ed Rush, Vorzeige-Jungstar von No U-Turn.
Schon andere sind in diesem Heft ins Schwärmen geraten über die einzigartige
Lage, Einrichtung und Atmosphäre dieses Studio-Lofts in Acton/London.
Ich kann mich da nur anschließen: In gewisser Weise stimmt hier einfach
alles. Wer ihn noch sucht, den berühmten Geist von Indie, hier kann man
ihn noch, ähm, atmen (oder riechen). "Kein einziges neues Gerät
ist dazugekommen, seit wir hier eingezogen sind", erzahlt Nico nicht
ohne Stolz. "Und stell dir vor: Letztes Jahr habe ich eines abends vergessen,
die Fenster zu schließen, und als ich am nächsten Morgen hier rein
kam, stand der ganze Raum unter Wasser. Und ich hatte fast alle Geräte
angelassen! Und da leuchteten die roten Dioden der DI-Boxen. Unfassbar, was
dieses Zeug aushält!"
Man ahnt es schon: big business geht anders. Auch der exzessive Einsatz des
obligaten Mobile Phone kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass weder
Nico noch sein Label ein einziges Pfund zuviel auf der Naht haben.
Nico Sykes bildet zusammen mit den DJs Ed Rush, Trace und Fierce die Keimzelle
von No U-Turn. Mit 28 ist Nico für Drum'n'Bass Verhältnisse ein alter
Hase. Jemand, der von sich sagt, er habe eine "Rocksozialisation" gehabt.
Entsprechend sind Ed Rush, Trace und der gerade mal 18-jährige Fierce
die Außenposten, die ihre Zeit mit Ausgehen und Abhängen in Plattengeschäften
verbringen, wenn sie nicht gerade als Drum'n'Bass Missionare herumreisen. So
liegt Ed Rush während meines Besuchs mit Hangover im Bett, weil er drei
Tage am Stück in Mailand aufgelegt hat, während Trace sich von seinem
Set bei der "On It" Clubnacht in der "Arena" von Middlesborough
erholt.
GROUNDBREAKING
Halb London spricht vom bevorstehenden Release des ersten No-U-Turn-Albums "Torque",
einer Label Compilation, die mehr wie ein richtiges Album funktioniert. Große
Ed Rush Hits wie "Guncheck" oder "What's Up" fehlen,
dafür gibt’s vier brandneue Monster-Tracks mit dem Gütesiegel
des beststeppenden Sounds der Stunde. Mittlerweile ist Nico Sykes ein Producer,
der etwas gilt in den erlauchter Kreisen der Drum'n'Bass-Kapitale London. Es
hat eine Weile gedauert, bis man eine neue No U-Turn drei Meter gegen den Wind
erkennen konnte. Jetzt ist es soweit, und davon profitiert in erster Linie
Ed Rush, der mit seinen Veröffentlichungen auf Prototype und vor allem
mit seiner "Skylab EP" auf Metalheadz die Weihen des Amtlichen
erworben hat und längst auf den Major-Wunschlisten stehen dürfte.
Im Feld des momentan rulenden Sounds zwischen Metalheadz, Prototype, Moving
Shadow, RAM, Photek und Dillinja hat No U-Turn einen festen Platz bei den DJs
und beim Clubpublikum. Dieser Status ist in der Geschichtsschreibung eng an
Ed Rushs "Guncheck" geknüpft, eine der bis heute erfolgreichsten
12 lnches auf No U-Turn. Entscheidender aber war vielleicht noch jener legendäre
Remix von T-Powers "Mutant Jazz".
Man nimmt nicht zuletzt auf diesen Track immer wieder Bezug, weil der enorme,
schnelle Output Fixpunkte nötig macht, um zumindest auf dem Papier eine
historische Entwicklung zeichnen zu können. Obwohl eigentlich niemand
an einer solchen Geschichte interessiert zu sein scheint. Denn Drum'n'Bass
agiert, abgesehen von wiederkehrenden Breaks und Beats, bewusst geschichtslos.
Nirgendwo gibt es ein vergleichbares Credo: Der nächste Track ist immer
der wichtigste/was interessiert mich mein Dubplate von gestern. Woher der einzelne
Producer oder DJ kommt, welchen Background er mitbringt, all das spielt keine
Rolle mehr. Übrig bleiben einzig "Klassiker", die einen bestimmten
Sound groundgebreakt haben. Bei "Mutant Jazz" war es eine neuartige
Bass-Distortion.
Nico: "Ich weiß, dass das behauptet wird. Das ist schön für
Trace, aber für mich ist "Mutant” einfach nur ein weiterer
Remix. Dieses Switchen der Beats hatte sich schon auf "Blodclut" angedeutet.
Als ich dann mit diesem Vorschlag zu Ed Rush kam, fanden es zu diesem Zeitpunkt
alle zu freaky. Fierce, was meinst du: Warum wird "Mutant Jazz” zugeschrieben,
ein groundbreaking Track zu sein?”
Fierce: "Keine Ahnung. Wahrscheinlich in erster Linie, weil er very fucking
good ist. Zu jener Zeit hat jeder DJ den Track gespielt, und alle haben sofort
gemerkt, dass "Mutant Jazz" komplett anders war als alles, was
zu dieser Zeit gespielt wurde. Das ist vor allem …"
Nico: "Du willst einen fetten Bass, vor allem im Club. Das Blöde
ist: das kannst du dir draußen nicht anhören, wenn du nicht gerade
ein boomin’ system im Auto oder eine brilliante HiFi-Anlage zu Hause
hast. Einen Bass, der über die Lautstärkeregelung funktioniert, kannst
Du im Club vergessen, weil du alle subs und lows verlierst. Unser Gedanke war
damals, eine Bassline zu schaffen, die du dir auch auf einem kleinen Kassetten-Rekorder
anhören kannst und die trotzdem massiv klingt. So haben wir mit dieser
Distortion gearbeitet. Andererseits löste "Mutant Jazz" auch
diese Euphorie aus, weil die Leute das Original ja schon kannten. Remixe können
ein wirklicher Spaß sein, wenn sie gut gemacht sind. Und die Stings aus
dem Intro dieses Stückes haben etwas von einer guten Nachricht. Der String-Chord
bei diesem Track hat eine eigene Geschichte. Ich fragte einen guten Freund
von mir, Phil Legg, was er von String-Chords hält, und er sagte, zwei
bis drei wären völlig ausreichend. Simpel, aber passend zur Beatstruktur.
Zwei Wochen, bevor wir mit dem Remix angefangen hatten, kam er in Studio, ging
zum Keyboard, spielte diese Akkorde und sagte: That’s it. Bei den Aufnahmen
habe ich diesen Akkord einfach ausprobiert, und er passte. Und er hätte
auf fast jeden Drum’n’Bass Track gepasst."
TECHSTEPPING
Die momentane Grenzlinien im Drum'n'Bass verläuft simpel: Coffetable
gegen den Sound, der’s wissen will. Dazwischen gibt es nicht viel, und
wenn, dann ist es schwer, ein Publikum dafür zu finden. Ohne den Segen
der Grooveriders, Randalls und Doc Scotts geht gar nichts.
"Seien wir ehrlich: Für Außenstehende
klingt das doch alles ein Spur zu verrückt. Die Beats sind eigentlich
zu schnell, die Sounds zu komisch."
Das neue Signifikant
heisst "Darkness". Bei No U-Turn-Produkten spricht man auch
von "Techstep",
populär geworden durch die gleichnamige Compilation vom vergangenen Jahr,
deren windiges Erscheinungsbild (grauenhafte Edits, ausgeblendete Tracks, fehlende
Credits) nicht nur Sascha Kösch auf die Barrikaden brachte (siehe SPEX
7/96). Techstep war das "neue Ding", und No U-Turn hatte
ihn in der Tasche. Gemeint sind relativ gerade gehaltene Beats, die metallisch
und wenig schmeichelnd klingen. Weiche Flächen werden durch wenige String-Akkorde
ersetzt, dann und wann rollt ein dunkler Distortion-Bass durchs Geschehen.
Nico: "Seien wir ehrlich: Für Außenstehende klingt das
doch alles ein Spur zu verrückt. Die Beats sind eigentlich zu schnell, die
Sounds zu komisch. Aber es ist die einzige Musik, die momentan eine Entwicklung
reflektieren kann und gleichzeitig ein Teil dieser Entwicklung ist. Wenn man
nur alle sechs Monate mal reinschaut, dann kann man diese Entwicklung hören.
Deutlich hören."
Für Nico ist "Darkness" nicht mehr als eine hilflose Umschreibung. "Ich
mag es nicht, wenn Leute von dieser Musik als dark, evil und nasty sprechen.
Das Problem ist doch, dass alle Versuche, diese Musik in Worte zu fasse, Kämpfe
gegen Windmühlen sind. Man muss es hören. Wenn manche Leute Worte
wie "böse" oder "dunkel" benutzen, dann nur, weil
es unmöglich ist, dieses Energielevel anders zu beschreiben. Wenn ich
produziere, denke ich nicht an die Arbeitslosigkeit oder an die anderen üblen
Dinge da draußen. Für mich ist es wichtig, dass Musik nicht cheesy
klingt. Der Fokus liegt darauf, das Beste zu produzieren, was ich kann."
Trotzdem wird mit Compilation-Titeln wie "Suspect Package", mit
Künstler-Aliasen wie Nasty Habbits oder Tracktiteln wie "Terminator" kokettiert.
Obwohl auch hier "Amen" nur ein Break und "Apache" nicht
mehr als ein Beat ist, steigt selbst die Fachpresse bereitwillig auf diese
Paranoia, Sci-Fi und Endzeit-Metophorik der Szene ein. Kaum ein Artikel verzichtet
auf Querverweise zu "Star Wars" oder "Independence Day".
Plötzlich glaubt man, die musikalische Entsprechung zu visuellen Technologie-Phantasmorgien
der "Bladerunner"-Ära erkennen zu können. Pre-Millenium
Tension, ick hör dir trapsen. Mal wieder.
SHADOWBOXING
In einigen Interviews sagst Du, dass es Dir alles andere als gut geht, wenn
du aufnimmst und produzierst. Wie ist das gemeint?
Nico: "Mit schlecht meine ich einen Zustand,
wie in 'this is a
bad tune'. Ich fühle mich unheimlich aufgekratzt dabei, ganz so,
als wenn man sich auf einen Kampf vorbereitet".
Geht das auch über ins Körperliche?
Nico: "Mitunter. Als wir 'Squardran' aufgenommen
haben und diese Sounds zehn Stunden am Stück ohne Pause gehört haben,
sehr laut gehört haben, dann wirst du bei all der Konzentration und Anstrengung,
die du aufbringst, irgendwann aggressiv. Als wir am nächsten Morgen um
acht endlich fertig waren, saßen wir hier, Trace, Fierce und ich …"
Fierce: "… und haben nicht viel gesprochen."
Nico: "Ich war völlig am Ende, habe Dinge zerschlagen hier im Studio.
Keine Ahnung, wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass man immer nur die gleichen
Sounds gehört hat, die gleichen harschen, Angst machenden Loops, die alles
andere als groove und funky sind."
So dass man irgendwann nicht mehr entspannen kann?
Nico: "Genau. Du nimmst Dir in solchen Momenten
jegliche Rückzugsmöglichkeit.
Kein Bett, kein Schlaf, nichts."
"Die Energie, die in einem
Drum’n’Bass
Track steckt, ist vielfältig. Und dass sie so viele, so unterschiedliche
Reaktionen auslösen kann, die nicht unbedingt synchron sind, macht
dich glücklich und zufrieden."
Des Producers Leid ist des Konsumenten Freud. Hardstep, Techstep, Dark Metal,
wie auch immer – Drum’n’Bass dieser Art kann eine symbiotisch-euophorische,
aber ebenso eine völlig destruktive Stimmung erzeugen. Das ist auch eine
Frage der Drogen, die zum Einsatz kommen. Aber wenn Nico, Ed Rush, Trace oder
Fierce Tracks unter Bedingungen produzieren, die denen eines guten langen,
erschöpfenden und mitunter Glücklichmachenden Rave- oder Clubabends
entsprechen, hat das nichts mit Humor, Terror oder Science-Fiction zu tun.
Der euphorisierende Moment, in dem der Bass kommt, steht für die radikale
Konsequenz, Musik machen zu wollen, die die Welt so noch nicht gehört
hat. Zu Recht verwies Oliver von Felbert im Jahresrückblick auf entsprechende
Initiations-Erlebnisse früherer Tage: Afrika Bambaataa und "Planet
Rock". Oder, wie David Toop in Rap-Attack- schrieb: "Mit Planet
Rock ging ein Licht an". Auch wenn man es nicht mag, kalt lässt
es einen bestimmt nicht (womit eine alte Rock’n’Roll Forderung
erfüllt wäre).
Nico: "Ich würde nicht sagen. dass es sich um negative Energie
handelt. Sägen wir einfach: eine Energie, die dich einerseits zurücklehnen
und lächeln lässt, die auf der anderen Seite extrem aufputschend
wirken kann. Ich will niemand notwendigerweise reizen oder angreifen. Wichtig
ist, dass es etwas auslöst. Vielleicht kann man es mit einem Fußball-Match
vergleichen: Wenn eine Mannschaft ein Tor schießt, ist die Hälfte
der Leute im Stadion am ausrasten, die andere Hälfte traurig oder niedergeschlagen,
aber beide Teile sind durch das Ereignis berührt. Und fünf Minuten
später kann es genau umgekehrt sein, wenn der Ausgleich fällt. So
verhält es sich für mich mit einem guten Track: die einen steigen
direkt am Anfang auf die Drums ein, andere fallen ein, wenn der Bass reinkommt.
Die Energie, die in einem Drum’n’Bass Track steckt, ist vielfältig.
Und dass sie so viele, so unterschiedliche Reaktionen auslösen kann, die
nicht unbedingt synchron sind, macht dich glücklich und zufrieden."
MOTHERSHIPPING
Switchen, choppen, morphen - das technische Inventar und wie es verfügbar
gemacht wird, ist entscheidend. Man sagt über Drum'n'Bass, wahnsinnig
kurzlebig zu sein. Andererseits arbeitet beispielsweise Photek schon seit
fast einem Jahr an seinem Album. Und Graham Sutton aka Boymerang, der Szene
Off-Shot und seit kurzem mit einem LP-Deal bei EMI, brachte jüngst in
einem Interview das Problem auf den Punkt: "Basically, I have boiled
down a whole year's work into one hour of music.". In einer Szene, wo
ein Jahr eine Ewigkeit ist, bedarf es schon besonderer Energie und Enthusiasmus,
sich solchen Projekten zu widmen.
Natürlich kann Nico herzlich lachen über einen Begriff wie "handmade
music". Fierce hingegen kann sich wahrscheinlich gar nicht mehr
vorstellen, wie man jahrzehntelang Drumsounds nur mit einem Schlagzeug erzeugen
konnte. No U-Turn ist im Prinzip ein Band-Nachfolgemodell, und wer nicht weiß,
wann welcher Knopf zu drücken ist, kann es direkt bleiben lassen.
Nico: "Es gibt eindeutig das Bedürfnis nach starkem Kaffee,
statt einem leichtem Tee. Ich denke, dass die revolutionäre Entwicklung
im technologischen Bereich dazu führt, dass die Menschen sich mehr und mehr
verlassen, verloren vorkommen. Natürlich sagen viele, dass man dies alles
organisieren kann, dass man sich an die Spitze dieses Techno Animals setzen
kann, indem man sich permanent auf den neuesten Stand bringt, seine Kapazitäten
fortwährend nach den aktuellsten Standards ausrichtet. Man kann das ganz
gut bei Künstlern wie uns nachvollziehen. Aber dann muss man automatisch
scheitern, weil sich die Technik so dermaßen schnell weiterentwickelt,
um ein vielfaches schneller, als sich organische Strukturen jemals entwickeln
konnten und können. Vielleicht sogar täglich. Niemand kann heute
eine gesicherte Angabe dazu machen, was wir in fünf Jahren alles in unseren
Wohnungen stehen haben werden. Diese Unsicherheit findet man m Drum'n'Bass
wieder. Wir müssen uns klarmachen, dass der Klang dieser Musik nicht
alleine das Werk von Menschen ist, sondern dass die Maschinen uns den Weg
diktieren."
Hört dann nicht irgendwann der Spaß auf und schlägt um in
harte Arbeit, die sich als zwangsläufige, ernste Reaktion auf die Geschwindigkeit
dieser Entwicklung versteht?
Nico: "Ich versuche zumindest Spaß dabei zu haben. Ich liebe
meine Musik – und einen nine-to-five Job kann man nicht lieben. Ich will
immer wieder gegen die Regeln des Aufnehmens und Produzierens angehen und verstoßen,
den Ideen freien Lauf lassen. Wenn ich eine Bassline zerhacken will, dann
tue ich es einfach. Und dann kommt plötzlich jemand ins Studio rein und
hat die neue Photek-Single dabei. Dann sind wir völlig hin und weg, weil
dieser Typ wieder etwas ganz anderes, so Perfektes geschaffen hat. Wicked!
Und wer weiß, vielleicht kommt der nächste Doc Scott aus Zimbabwe.
Und wie wird seine Musik wohl klingen?"
BLUENOTING
"Metalheadz IST Drum'n'Bass", sagt Nico, als wir am Abend auf
dem Weg zum "Blue Note" sind, "sie sind der Motor,
sie gehen voran. Alles was sie machen, ist gut. In den besten Momenten fühle
ich mich als Teil dieser Gruppe. Wir alle haben den gleichen Grundsatz: Lass
uns die Sache selbst bestimmen."
Trotz des ganzen Major-Interesses wird alles durch
einen Independent-Vibe getragen."Zwar sind meistens genauso viele
Bedroom-Producer vor Ort, die Nico ein DAT anbieten, wie Desk-Sharks vor Grooveriders
heiliger Kanzel herumschwimmen. Aber eigentlich lässt sich Nico bei den
Metalheadz nicht mehr so gerne blicken, auch wenn der Businesstalk mit Rob
Playford, Doc Scott, Jumpin Jack Frost wichtig sein mag. Beim direkten Aufeinandertreffen
mit Goldie wird es erst richtig deutlich: Nico Sykes ist kein Repräsentant
im eigentlichen Sinne. Wo Goldie, sich seiner Rolle und Ausstrahlung voll bewusst,
auch gerne als DJ in Erscheinung tritt (und dort, vor allem auf dem europäischen
Festland auf ein Publikum trifft, dass seine mäßigen Skills am Plattenteller
popstarmäßig zu würdigen neigt), kann und will Nico nicht aus
seinem Schatten heraustreten: "Klar kann ich auch Platten ineinander
mixen, aber dennoch bin ich kein DJ."
Viel lieber heizt Nico mit seinem Auto, das diese Bezeichnung nur noch ansatzweise
verdient, durch London. um sich dauernd zu verfahren, damit er anschließend
U-Turns drehen kann. Später sprechen wir von Unfällen. von musischen
Zufällen.
Nico, der als Vorbild gerne Phil Spector zitiert, weiß,
man kann den revolutionären neuen Sound nicht einfach produzieren, sondern
nur einen Rahmen schaffen, in dem sich die Wahrscheinlichkeit erhöht,
dass solche Zufälle produziert werden.
Nico: "Es gibt so viele Bereiche, in die vorzudringen Ed und ich
uns weigern. Experimente, die wir gar nicht wagen. Ich weigere mich, diese Sample-Discs
zu benutzen. Ich kann das nicht, mir Dutzende von Bass-Sounds anhören,
um einen bestimmten auszuwählen, dann downzuloaden und in einen Track
einzubauen. Das entscheidende ist tatsächlich das stetige Arbeiten an
dir und der Produktion. Deswegen ist für mich persönlich ein Track
wie "Amtrack" nicht besser als vieles andere, was ich kenne."
Am Ende eines langen Tages, als es Nico gelingt, etwas abzuschalten, wird deutlich,
dass ihm der ganze
Hustle eigentlich zuviel ist: "Für mich sind an diese jungen
Leute der wahre Träger dar Energie, auch der von Drum'n'Bass. Ich bezweifle,
dass Leute in den Mittzwanzigern noch die gleiche Energie und Naivität
in sich haben. Die Beatmaster werden jünger und jünger. Schau dir
doch all die Vierzehnjährigen an und wie sie ihre Videospiele beherrschen.
Diese ausgeprägten Reflexe hast du nicht mal mehr mit 21. Wenn hier jemand
wie Fierce reinspaziert und mir sagt, so und so sieht’s aus, mir seine
Philosophie der Musik erklärt, dann muss ich mich daran orientieren. Du
kannst sicher sein, dass es eher so kommen wird, wie Fierce es einschätzt.
Solange unser gemeinsamer Nenner ist, dass wir alle wissen, dass der Funkbeat,
der Breakbeat das beste und wichtigste ist, was seit HipHop geschaffen wurde,
ist alles in Ordnung. Außerdem weiß ich: am Ende setzt sich immer
der real deal durch.."
Text: Ralph Christoph, Fotos:
Katrin Geilhausen (1997) Der Text erschien 1997
im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung
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