Im Süden Londons, mitten in den Badlands, eine märchenhafte, soziale
Trümmerlandschaft, die von Wandsworth über Clapham bis Brixton reicht,
liegt das Schlupfloch eines ganz gehörigen Anteils an Drum and Bass Künstlern
des Jahres 2000. In unmittelbarer Nähe zu den Orten an denen Fabio und Grooverider
erste musikalische Gehversuche machten und auch Jumping Jack Frost in den späten
Achtzigern den Kontakt zum Piratensender Passion aufsuchte, sitzt ein Studio und
ein Label, das gerade die nächste Generation an Drum and Bass Guerillas züchtet.
Die Rede ist von Renegade Hardware, dem kaum zweieinhalb Jahre jungen Tochterlabel
der Trouble on Vinyl Musik Gruppe.
Weit entfernt von den bizness-affinen Gegenden im Norden Londons, Camden oder
Islington, werden hier in Wandsworth die Truppen der nächsten Generation
ausgebildet. Nur im Gegensatz zu den Praktiken des Opportunismus und, inzwischen,
Mainstream Konservatismus im Norden, herrscht südlich der River Thames ein
gänzlich anderer Umgang mit der Schlacht um die Anerkennung von Drum and
Bass.
Der erste Sampler des Labels, Quantum Mechanics, beweist auch, wie das Renegade
Hardware Selbstbewußtsein aussieht. Ausschließlich mit dem Inventar
des eigenen Künstlergeschwaders - Future Forces Inc., DJ Kane, Genotype und
Absolute Zero - bestückt, äußert sich der einzige explizite Kontakt
zur Drum and Bass Außenwelt durch die Wahl der Remixsöldner, u.a. Dillinja,
Optical und Fierce, Technical Itch, Dom & Roland und John B...
Im Gespräch mit Future Forces Inc, den beiden Künstlern Maldini und
D-Bridge, wird diese Tendenz zur Unabhängigkeit schon klar, als die üblicherweise
mit Gusto zu beantwortenden Fragen eher auf taube Antworten fallen.
Während sich z.B. andere DJs, Künstler, usw. mit Lobeshymnen zu jedem,
den sie irgendwann mal begegnet sein mögen (siehe Innenhülle von Goldies
neuestem Epos Saturnz Return), schmücken, könnte man fast die Antwort
des mitte-zwanzig jährigen Maldinis zur Standardfrage des "Support"
überhören:
"Eigentlich spreche ich, außer DJ Bailey, niemandem so viel Unterstützung
zu. Bailey spielt unser Zeug seit der Stunde Null. Dem verdanke ich viel, aber
ansonsten hatten wir niemand, der so richtig hinter uns stand; Clayton und Mark,
die Renegade Hardware leiten, natürlich. Wir verschicken auch keine DATs.
Vielleicht kommt mal ein Anruf von Music House*. Dann heißt es, jemand will
ein Stück von uns pressen, dann fahren wir auch hin, oder man trifft zufälligerweise
jemanden dort, aber grundsätzlich mag ich es 'tight' (Übersetzung engl.:
straff) halten."
Sein Partner, Darren White alias D-Bridge nennt es schlicht das "eigene Agenda".
Wollte man es unbedingt irgendeiner Philosophie zuordnen, so ließe es sich
unter Hype's "Keep it real" einrangieren. Aber ehrlich gesagt, geht
es in dem Land, in dem Drum and Bass als "Way of Life" gilt, nicht um
die tiefgehende Analyse dessen, was man einfach macht oder bisher in Angriff genommen
hat. Für Future Forces Inc., und demnach für Renegade Hardware, zählt
in erster Linie, was die Zukunft bringen wird.
Läßt man die inzwischen elf Rengade Hardware Überfälle -
zu fast 60% Future Forces Inc. Produktionen - auf die Drum and Bass Release Landschaft
nochmals Revue passieren, dann weiß man, was die Zukunft bei Renegade Hardware
bedeutet. Alles mehr oder weniger ausgezeichnete Platten, skizzierte sich ein
Muster der Breaks und Techniken, der bisher, selbst in den gewagtesten Kreisen,
ungewagt geblieben war.
Würde man sich "Dead By Dawn" heute zum ersten Mal anhören,
würde man es für einen gelungenes Standardwerk halten. Am Anfang letzten
Jahres, jedoch, riß der gewaltige Sternenzerstörer Break durch selbst
die standfestesten Boxen. Wie eine offene Kriegserklärung an die Tanzflächenarroganz
des durch das Londoner Blue Note Club hip gewordenen Techstep Genres stechte dieser
Sound durch Goldies viel zitierte Anti-Jump-Up Äußerungen und bewies,
daß Musik für Erwachsene nicht erwachsen klingen muß.
Ein Jahr später haben sich die Geister beruhigt. Goldie schreit zwar immer
noch "Temper Temper", läßt sich dafür mit Noel Gallagher
sehen und wird wohl demnächst auch bei der Familie Blair zu einer Teerunde
eingeladen. Auch Dead By Dawn hat 1998 ein neues Gesicht angenommen, als ein Attest
der Unmengen an Zeit, die D-Bridge und Maldini in dem haus-internen Renegade Hardware
Studio verbracht haben:
"Wir waren fast das ganze Jahr im Studio. Wir kennen jede Ecke. Eigentlich
haben wir dort gewohnt und mit dem Boden haben wir uns auch schon sehr vertraut
gemacht. Wir haben nämlich kein Studio zu Hause, also mußten wir immer
ins Büro gehen. Wir waren teilweise vierundzwanzig Stunden am Tag dort."
In der Zeit wurde das Studio von den beiden Mechanikern auseinandergenommen und
seine Anatomie analysiert. Jedes Draht wurde untersucht. Jedes Stück Ton
Equipment, egal wie obskur, wurde neu geschweißt, seiner eigentlichen Funktion
enthoben und zu einer Waffe umgewandelt.
Laut Maldinis Aussagen im letzten April sah das Studio aus wie eine Mischung zwischen
einer (Sony Playstation) Spielhölle, einem Piratensender und mißratenes
Rebellenschiff dessen Pegel dauernd auf höchster Alarmbereitschaft standen:
völlig im roten Bereich. "Heavy Metal, man!"
Es war die Zeit kurz nach der ersten Welle von No U-Turn Eroberungen, kurz bevor
der Sommer, der im Zeichen von dem Krieger Grooverider und seinem Neurofunk Geschwader
stand und es war die Zeit in der Future Forces Inc. ihre Position im Schlachtfeld
durch eine Salve von variationsfähigen Maxis und EPs stabilisieren konnten.
Ohne allzu großer Rückendeckung!
Inzwischen schreiben wir den Winter/Frühling 1998. Im Laufe der Zeit sind
zwar die massiven Breaks derselben Zeit letzten Jahres verschwunden, dafür
wurden neue Moves und Kombinationen ausfindig gemacht. Ein Almanach dessen ist
auch auf dem ersten Sampler des Labels, Quantum Mechanics, zu finden. Es sind
alles brandneue Stücke, "kein verschimmelt-in-der-Schublade Material!",
wie D-Bridge betont.
Es ist aber auch das letzte Material, das im alten Studio entstanden ist. Seit
Dezember befindet sich das Studio nämlich in einer Art hoch technologisierten
Sanierungsphase. In ein paar Wochen wird es wieder soweit betriebsfähig sein,
zum fröhlichen Händereiben aller Trouble on Vinyl Künstler. Nur
die wenigsten haben zu Hause ein Studio.
Eines verbindet sie alle, jedoch: der Gedanke, daß dann eine blitzblanke,
neue Werkstatt, eine neue Heimat wieder frei wird in der sie "von vorne wieder
lernen müssen, was man mit den ganzen neuen Spielsachen anfangen kann!"
* Music House ist DAS Londoner Presswerk für Dubplates (Dubpllate = Vorabpressung
von bisher unveröffentlichtem Material). Mindestens ein bis zwei Mal die
Woche trifft sich dort der versammelte Londoner DJ Jet Set, um die DATs von Künstlern
pressen zu lassen. Ein Dubplate kostet ungefähr 30 Pfund = ca. DM 90.-.
Das Interview führte Oli Koehler